Dieselstrasse: Frischzellenkur oder Botoxspritze?
Liebe, geneigte Leserinnen, mancherorts wird derzeit gestritten, ob der Postfeminismus dem Feminismus szenemäßig den Garraus macht oder umgekehrt. Hie geraten etablierte Institutionen ins Wanken, dort entstehen und verglühen die Szenebars und -discos wie Sternschnuppen am Nachthimmel. In den letzten Tagen habe ich die unten stehende Diskussion über das neue Konzept der Dieselstraße interessiert mitverfolgt. Aber, des Teufels Großmutter soll mich holen, ich finde es schwer, mich auf die eine oder andere Seite zu schlagen.
Wird uns jetzt, Gött in hilf!, der letzte Winkel genommen, in dem wir Lesben ungestört feiern können? Oder schicken wir endlich einen Oldtimer aufs verdiente Rententeil, denn Buben und Mädchen sind endlich gleich – gleich selbstbewusst, gleich stark und eh viel cooler: Welcome in the 21st Century?! Ich glaube, das Problem ist vielschichtiger.
Lesben und Schwule domonstrieren und feiern gemeinsam auf dem CSD, es ist völlig richtig, dass die Dieselstraßenchefinnen darauf verweisen. Nur gemeinsam bringen wir Masse auf gegen die Übermacht der Heteros! Zum Kotzen finde ich hingegen die Frequenz, mit der schwule Männer das Wort „Kampflesben“ benutzen, wenn sie sich durch unsere Anwesenheit auf ihren (gemischten!) Veranstaltungen in ihrem ästhetischen Empfinden gestört fühlen. Existiert die Gemeinsamkeit von Schwulen und Lesben tatsächlich oder sind wir lediglich zusammengschweißt, weil wir von der Gesellschaft als „Homosexuelle“ diskriminiert werden?
Das ist wohl auch eine Generationenfrage. Während wir älteren Lesben Silver-Dykes diese Freiräume noch aus Zeiten zu schätzen wissen, als diese nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit waren – und ja, geben wir es zu, aus Sentimentalitätsgründen auch ein wenig der Ära der Go-West- und Landespavillon-Disco nachhängen, währenddessen langweilen sich die jüngeren in einem reinen Frauenschuppen. Wozu sich abends abgrenzen, wenn der Alltag doch ohnehin mit Schwulen und Heterojungs gelebt wird?
Apropos Langeweile: ein Phänomen, das ich immer wieder beobachte: Neue Partys sind voll, etablierten Partyreihen geht nach und nach die Puste aus. So hat sich die Ellys Wildthing in der Boa vom Acker gemacht und Claudia A. Wagners La Maison-Disco. Voll aber: die L-Part-Frauendisco, die Take-over-Fridays der Wirtschaftsweiber oder independend Partys z.B. von Starfrucht, Ina Bär und co. etc. Diese funktionieren, weil sie klein und wendig sind: Der Seltenheitswert und wechselnde Locations sorgen für das Neue und Frische jeder Party – und sie sprechen jeweils ein eigenes Zielpublikum an. Solche Club-Nights können gar nicht zu der grande Dame der Discolandschaft werden, wie die Dieselstraße, dazu fehlen ihnen die Masse und das Verlässliche. Das Verlässliche aber wiederum ist gerade das, was die Dieselstraße auszeichnet: Sie ist da. Und sie hat immer Zeit für uns.
Vielleicht sollten wir nicht gleich auf den Drama-Button drücken. Ein paar Dyke-Mikes werden die Dieselstraße nicht augenblicklich in einen Schwulenschuppen verwandeln (die waren übrigens im La Maison auch vorhanden – hat sich da eigentlich jemand daran gestört?). Und eine lebhafte Diskussion über Musikgeschmack und Gestaltungskonzept zwischen Besucherinnen und Macherinnen wird der Dieselstraße neue Vitalität einhauchen. Ich finde es prima, dass a) sich eine Diskussion aufgetan hat und b) die Dieselstraßenfrauen zu einem offenen Austausch einladen. Stattet der alten Dame am 7. November einen Besuch ab, und sagt ihr, dass sie ganz schön runzelig geworden ist – aber bringt ihr statt der Botox-Spritze lieber einen leckeren Frischzellen-Vitamindrink mit. Und, meine Lieben: vergesst nicht, auch auf die gute Tante anzustoßen!