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Tipping the Velvet
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In der ersten Episode erleben wir Nan als Austernmädchen, die mit ihrer Familie in dem Seeort Whitstable in Kent lebt. Sie betreiben eine Austernbar, in der auch Nan arbeitet - als Muschelöffnerin. Es ist ein harmonische Leben voller Ruhe und Gelassenheit. Eines Tages besucht die ganze Familie eine Theatervorstellung, die Nans Leben grundlegend verändern wird. Dort sieht sie Kitty auf der Bühne, die in Männerkleidung mit der doppelten Geschlechterrolle so wunderbar kokettiert wie Marlene Dietrich in dem Film Marokko. Und genauso wie die Dietrich verführt Kitty Männer gleichermaßen wie Frauen. Nan ist sofort von ihr gefangen und geht fortan jeden Abend zur Vorstellung. Sie verliebt sich in Kitty und trennt sich von Freddy, als ihr schlagartig klar wird, warum die Gefühle zu Freddy nie so intensiv waren, wie sie es sich gewünscht hätte. Unbeirrt, trotz der argwöhnischen Bemerkungen ihrer Schwester, daß dies nicht normal sei, geht Nan ihren Weg. Eine Charactereigenschaft, die sie auch im weiteren Verlauf des Films auszeichnet. Eines Abends passiert es: Kitty wirft am Ende ihres Auftritts Nan eine Rose entgegen. Ihre Augen verraten Interesse, das sie sich aber lange nicht in ihrem Verhalten anmerken läßt. Nan geht nach der Vorstellung zu Kitty und die beiden werden sofort gute Freunde und Nan schließlich Kittys Garderobendame.Und als Kittys Manager für sie eine Stelle in London hat, geht Nan begeistert mit. Kittys und Nans Freundschaft ist von gegenseitiger Zuneigung geprägt. Nans Liebe sprüht aus jeder ihrer Poren und auch Kitty kann ihre Gefühle nicht ganz so verbergen wie sie es versucht. Erst als Kitty auf einen Mann, der Nan zum Tanzen auffordert, eifersüchtig wird brechen ihre Gefühle aus ihr heraus, die in einer leidenschaftlichen und bildlich sehr schön umgesetzten Liebesszene und einer wunderbaren Beziehung enden.Die beiden treten nun gemeinsam als Männer auf und erleben eine rauschende Zeit miteinander, die von Erfolg und einer Menge gutem Lebensgefühl geprägt ist. Doch Kittys ursprüngliche Probleme, daß sie Frauen liebt, ändern sich ebenso wenig wie Nans Charakterstärke. Eines Tages erwischt Nan Kitty und ihren Manager im Bett. Die beiden erklären ihr, daß sie heiraten werden. Kittys schulderfüllter Blick zeigt, wie gern sie eigentlich nach ihrer Veranlagung leben würde, aber auch wie wenig sie dies tatsächlich wagt. Das 19. jahrhundert, eine Zeit, in der Frauen zum Gebären und Kochen existierten und als ihnen keinerlei sequellen Gefühle zugesprochen wurden, hinterläßt hier seine Spur in Kittys Verhalten. Umso mutiger erscheint Nan, die unbeirrt ihren Weg geht und sich trotz repressiver Gesellschaft nicht selbt verleumdet.
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Die zweite Episode ist noch schillernder als die erste. Nan schlüpft hier extrem in die männliche Rolle. Da sie als alleinstehende Frau kaum durch Londons Straßen gehen kann ohne schräg angesprochen zu werden, geht sie fortan als junger Mann verkleidet aus. Die Verkleidung ist so perfekt, daß sie sogar per Zufall in die Rolle eines Stricherjungen fällt. Sie verdient ihr Geld damit, die Herren oral zu befriedigen. Eine köstliche Szene im übrigen, die die Zuschauer aus der Sicht des männlichen Glieds sehen. Nans Mimik je nach Exemplar ist hinreißend.
In einer Nacht jedoch wird sie von dem Diener der reichen und arroganten Diana gerade noch rechtzeitig vor einer Vergewaltigung gerettet. Sie wird mit auf Dianas Anwesen genommen und dort fortan als schmuckstückartige Liebhaberin gehalten. Was folgt ist eine bissige Satire auf die dekadente schwullesbische Szene Londons, die zusammen mit Diana Nan ausnutzt und als Objekt der Beigierde öffentlich regelrecht ausstellt. Es ist ein rauschendes, ausschweifendes Leben, das äußerst freizügig porträtiert wird. Nan genießt es teilweise, im Mittelpunkt zu stehen, wird sich aber mehr und mehr ihrer zweifelhaften Situation bewußt, bis sie die Erniedrigungen nicht mehr aushält. Wie der erste Teil, endet diese Episode damit, daß zwei im Bett ertappt werden. Doch diesesmal ertappt Diana und ihre Etepetetgesellschaft Nan mit einem Hausmädchen.
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Episode drei ist der Tiefpunkt in Nans Leben, aber gleichzeitig auch ein erneuter Aufstieg, diesemal jedoch in ruhigeren Gefilden ähnlich denen, aus welchen sie ursprünglich stammt. Der Kreis schließt sich. Nan und das Hausmädchen Zola werden rausgeworfen. Zola verschwindet über Nacht mit Nans Habseligkeiten und läßt damit Nan in absoluter Not und Armut zurück. Diese irrt durch die dreckigen Gassen Londons und weiß sich nicht anders zu helfen, als eine frühere Bekannte, Florence, aufzusuchen. Doch sie wird nicht mit offenen Armen aufgenommen. Der Weg zu Florences Herz ist hart aber lohnen und wird durch die erneut auftauchende Kitty auf eine Probe gestellt, deren Ausgang bis zum Schluß spannend bleibt und hier nicht verraten werden soll.
Dieser lange aber niemals langweilige Film ist ein hervorragendes Porträt einer mutigen und selbstbewußten Frau, die in einer Zeit, in der es für ihre Veranlagung noch nicht einmal ein Wort gab, niemals sich selbst verliert. Sehr erstaunlich ist, daß Tipping the Velvet vom britischen TV Sender BBC umgesetzt wurde. Von der BBC, einem traditionellen und seriösen Sender, hätte ich nicht solch freizügige und unvoreingenommene Szenen erwartet. Ich war sehr positiv überrascht und bin gespannt, was die BBC noch in diese Richtung bringen wird. Tipping the Velvet ist immerhin nicht der erste gute lebische Film der BBC. Er steht in der Tradition von Oranges are the only Fruit, ein ebenso guter und langer lesbischer Film.
Großbritannien, 2002, 3h 5 min.
Regie: Geoffrey Sax
Drehbuch: Andrew Davies
Produktion: BBC
Video, VHS-pal
Mit Rachel Stirling (Nan Astley), Keely Hawes (Kitty Butler), Anna Chancellor (Diana), Jodhi May (Florence Banner).
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