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Die Ritterinnen
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Interessant für das lesbische Publikum ist, wie die Frage nach "lesbisch oder hetero?" aus einer komplett anderen Perspektive dargestellt wird als man es sonst in Filmen vorfindet. Bonnie folgert eines Nachts mit einer für sie typischen Logik, die stets mehr in der Welt der Theorie als in der Realität greift, daß alle Frauen lesbisch werden müssen. Denn, so ihre Argumentation, sei man ja schließlich gegen das Patriarchat, und damit seien die Männer die Feinde, mit denen man sich folglich unmöglich zusammen tun kann. Logische Konsequenz: die Männer fliegen aus der WG raus, die Frauengruppe spaltet sich vollständig von der Männergruppe in ihren Aktionen ab und die WG wird per logischem Dekret lesbisch. Die Männer, die gar nicht wissen, wie ihnen geschieht, sind geschockt. Plötzlich stehen sie auf der falschen Seite, sollen Feinde sein, und das nur, weil sie als Mann geboren sind. Uns Frauen kommt das bekannt vor, doch für die Männer ist es eine völlig neue Erfahrung, die sie bis heute noch nicht verdauen können. Aber nicht nur die Männer haben damit ihre Probleme. Ausgerechnet Bonnie selbst sieht zu wie die Frauen aus ihrer WG nacheinander wie selbstverständlich lesbisch werden. Sie selbst jedoch sehnt sich nach ihrem Exfreund und kann sich die Frauenliebe für sich nicht so richtig vorstellen. Nach langer Zeit verliebt sie sich zwar wirklich in eine Frau, doch dies wird auch das einzige Mal bleiben. Sie schaut neidisch auf Eva, die sich als Einzige der lesbischen Bewegung verweigert und immer ihren Freund mit nach Hause bringt. Ein Beispiel dafür wie sehr Theorie und Wirklichkeit voneinander entfernt sein können.
Für das lesbische Publikum ist dies ebenso eine ungewöhnliche Sichtweise wie für Bonnie. In der Realität und auch in vielen lesbischen Filmen ist Frau es gewohnt Beispiele zu sehen oder zu erfahren, in denen eine lesbische Frau heterosexuell erzogen wird, als abartig eingestuft wird, oder gar für ihr Leben lang zur Heterosexualität gezwungen wird. Die Ritterinnen heute leben im Übrigen alle, bis auf eine, heterosexuell.
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Bonnie muß im Laufe der Zeit noch eine Lücke zwischen Theorie und Wirklichkeit festellen. In der WG spitzen sich die finanziellen Verhältnisse zu. Die Ritterinnen sind zwei Monatsmieten im Rückstand und können auch die nächste Miete nicht bezahlen. Und nur eine von ihnen arbeitet regelmäßig (ausgerechnet bei Daimler, dem größten Ausbeuter). Alle anderen haben eine Ausbildung oder ein Studium begonnen, arbeiten bestenfalls nur nebenbei. Bonnie arbeitet gar nicht und nützt so das Motto "alles gehört allen" schamlos aus. Es kommt zum Streit. Die Gruppe wird sich bewußt , daß sich die Theorie, unabhängig vom Kapitalismus zu leben, nicht durchsetzen läßt. Das zaghaft eingeworfene Argument, man solle auf einer reinen Fraueninsel, fernab dieser patriarchalen und kapitalistischen Gesellschaft leben, bringt das Dilemma auf den Punkt. Ein mächtiges Wirtschaftssystem mit einer kleinen, chaotischen und machtlosen Gruppe ändern zu wollen, ist Illusion. Die großen Organisationen und Wirtschaftsmacht kann die Krawalle und nicht in Gang kommen wollende Revolution locker aussitzen. Denn jeder braucht Geld zum Leben, wenn man nicht gerade einen Bauernhof zur Selbstversorgung besitzt (mitten in Berlin Kreuzberg?!). Es entsteht ein Paradox. Man will außerhalb der Gesellschaft und dem System leben, in dem man lebt. An diesem Paradox scheitern auch die Ritterinnen. Ihre Umgebung holt sie ein. Sie konzentrieren sich immer mehr auf die verzweifelte Beschaffung von Geld, um gerademal so überleben zu können, und kümmern sich mehr um sich selbst als um ihre Gemeinschaft. Und schwupps befinden sie sich in dem vorherrschenden System, ohne daß es ihnen im Laufe der Entwicklung dorthin bewußt geworden ist.
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Interessant ist, daß in ganz vielen Orten, in denen die Regiesseurin Barbara Teufel ihren Film vorgestellt hat, immer wieder vom Publikum die Rückmeldung bekommen hat, daß andere Generationen davor genau die gleiche Entwicklung durchgemacht haben. Jede Generation seit den 1968ern dachte, sie könne die Welt verändern, ist aber an der Realität und dem Problem von irgendetwas leben zu müssen, gescheitert und ins normale Leben abgetaucht. Nur die heutige Generation um die Jahrtausendwende scheint hier eine Ausnahme zu bilden. Das eigene Fortkommen im Leben ist wichtiger geworden als politisches Engagement.
Die Ritterinnen reiht sich damit auch in die sehr kleine Riege der politischen Filme ein, die auch ein lesbisches Thema haben. Der Film wird so zu einem Gegenpol zum überwiegenden Großteil der lesbischen Filme, die das Coming Out, den Spaß am Leben oder gar Abartigkeitsbetrachtungen in das Zentrum des Films stellen.
[1] Zitat aus dem Flyer zum Film.
Deutschland, 2003, 96 min.
Regie/Drehbuch: Barbara Teufel
Verleih: Neue Visionen
Produktion: Annedore v. Donop, Jörg Rothe, Mediopolis GmbH
Koproduktion: WDR, SWR, HR
Mit Jana Straulino (Bonnie), Ulla Renneke (Eva),
Katja Danowski (Carolin), Mieke Schymura (Diana),
Bärbel Schwarz (Franzi), Tilla Kratochwil (Anke), Ursine Lardi (Gaya).
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