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Die Büchse der Pandora
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Eigentlich untypisch für solch eine femme fatale ist jedoch, daß sie den Untergang der Männer nicht bewußt herbei führt. Besonders typisch ist aber wiederum, daß sie ihre Anziehungskraft für ihr Weiterkommen nützt. Und dabei macht sie auch nicht vor schmachtenden Lesben halt. Lulu wickelt alle um den kleinen Finger. Eine(r) nach dem/der anderen verfällt ihr. Zu Anfang ist dies Dr. Schoen, der eine angesehene gesellschaftliche Position inne hat und daher unmöglich seine verrufene Geliebte heiraten kann (daß bei Lulu sich die Männer die Klinke in die Hand geben hat sich weitgehend herum gesprochen). Um den gesellschaftlichen Selbstmord kommt er jedoch nicht umhin. Die Liebe zwischen beiden siegt und Lulu triumphiert über Schoens Verlobte, die seinen gesellschaftlichen Stand sichern hätte sollen. Noch auf der Hochzeit erkennt Lulu, daß auch die lesbische Gräfin Geschwitz sich zu ihr hingezogen fühlt und tanzt mit ihr. Doch hingebungsvoll ist in dieser Szene nur Geschwitz. Bis jetzt läuft alles so wie Lulu es sich vorgestellt hat. Doch dann dreht Schoen durch als er Lulu mit ihrem ehemaligen Freund sieht und fordert sie auf, sich selbst umzubringen, da es die einzige Möglichkeit sei, alles zu retten. Durch einen unglücklichen Zufall löst sich der Auslöser der Pistole und Schoen kann seinem Sohn Alwa nur noch die Warnung mitgeben, er solle sich vor der Frau in acht nehmen, denn jetzt sei er der nächste. Und so kommt es auch. Alwa verhilft Lulu zur Flucht vor der deutschen Justiz, die sie zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Lulu verläßt nun den Pfad der Liebe. Man hat das Gefühl, sie gibt sich jedem hin, der ihr weiter hilft. Am Ende geht das Geld aus, Lulu benützt Geschwitz, um kurz an Geld zu kommen, das Alwa gleich beim Spiel verliert. Lulu benützt Geschwitz ein zweites Mal. Sie fordert Geschwitz auf, sich einem Artisten hinzugeben, damit dieser Lulu nicht bei der Polizei meldet. Geschwitz folgt blind vor Liebe. Die Türe schließt sich hinter ihr und als sie sich wieder öffnet ist Geschwitz dem Sterben nahe. Wir können nur raten, was passiert ist. Doch die Rache des Schicksals ist nahe, denn wer kann schon eine Frau wie Lulu leben lassen? (Die Lesbe wurde ja schon erfolgreich aus dem Weg geräumt - nicht daß jemand auf die Idee kommt, solch eine Veranlagung sei gut.) Wenn Männer rumhuren, ist das was anderes, nebenbei erwähnt. Aber eine Frau, die die Männer so gnadenlos verführt... Hat eigentlich schon mal jemand an die Dummheit der Männer gedacht? Aber es kommt wie es kommen muß. In London erliegt sogar Jack the Ripper fast Lulus Charme, läßt sein mitgebrachtes Messer fallen und sich in Lulus Arme. Dummerweise liegt auf dem Tisch daneben ein Brotmesser, das Jack the Ripper mit herausfallenden Augäpfeln anstarrt. Das ins schwarz schließende Kameraobjektiv legt das Unvermeidliche nahe.
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Ganz so sehr darf man im übrigen nicht auf die Dummheit der Männer schlielen, denn die lesbische Geschwitz verfällt Lulu genauso vom ersten Augenblick an und läßt sich ebenso ausnützen. Dies verdeutlicht jedoch nur Lulus Rolle als femme fatale und besonders Pandora, die grundsätzlich alle Menschen um sich herum ins Unglück zieht. Geschwitz ist immer ein Randcharakter, die ab und zu ins Zentrum rutscht, um Lulus Rolle zu verdeutlichen. Ihr tragisches Ende wurde im Übrigen von vielen weitern Filmen, die einen lesbischen Charakter haben, imitiert. Lesben dürfen ebenso wenig wie Schwule das Ende des Films überleben. Bis dieses Muster durchbrochen wird, gehen noch Jahrzehnt ins Land. Man denke nur an The Fox, der Ende der 1960er Jahren gedreht wurde und die Lesbe sogar durch ein Phallussymbol umkommt läßt.
Ebenso wenig darf man Lulu nur als femme fatale sehen. Schoen hat sie wirklich geliebt und wollte das Unglück nicht, hat ihn nicht mit voller Absicht ausgenützt, sondern heiratete ihn aus Liebe. Und auch später ist sie nie ganz schlecht. Als sie Jack the Ripper trifft und er sagt, er habe kein Geld, meint sie, er solle einfach so mit rein kommen, sie fände ihn einfach nett. Ironischerweise ist genau das ihr Ende.
Louise Brooks ist immer wieder für ihre Umsetzung einer für damalige Verhältnisse komplexen Figur gelobt worden. Das gleiche gilt für ihr verführerisches Lächeln, wobei die Garbo meines Erachtens sie in der verführerischen Ausstrahlung deutlich schlägt.
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Die Gräfin Geschwitz war im Übrigen eine der ersten lesbischen Figuren, die in der heute so bekannten Hosenrolle auftaucht, der man also schon durch ihren Tweedanzug und das teilweise männliche Gebaren ihre Veranlagung ansieht. Sie wird dadurch zu einer echten Konkurrentin für die Männer. Die Schauspielerin Alice Roberts war allerdings auch nicht bereit, mehr als die üblichen männlichen Anmachen zu spielen. Zu der Tanzszene auf Lulus Hochzeit konnte sie Regiesseur Pabst wohl nur überreden, indem er ihr sagte "die solle sich vorstellen, in dieser Szene nicht Louise Brooks, sondern ihn verführen" [1] Louise Brooks kommentiert die Szene wie folgt: "In der Szene wie auch in der über meine Schulter hinweg gedrehten Großaufnahme entzog sie mir ihren Blick und schaute an mir vorbei auf Pabst, der im Off mit ihr heftig Liebe machte. Aus dieser Konstellation heraus gelang ihm ein dichtes Porträt keinfreier lesbischer Leidenschaft." [1] Wie ungeheuerlich eine solche Szene nicht nur auf die heterosexuelle Darstellerin Roberts, sondern auch das Publikum wirkte, wird dadurch deutlich, daß diese Szene der englischen und amerikanischen Zensur zum Opfer fiel.
[1] Zitiert in Andrea Weiss. Vampires and Violets. Frauenliebe und Kino. Dortmund: Ebersbach, 1995, Seite 27.
Deutschland, 1928/29, 131 min.
schwarz weiß Stummfilm
Produktion: Nero Films Production
Video, VHS, pal
Regie: G. W. Pabst
Drehbuch: Ladislaus Vajda nach den Theaterstücken Die Büchse der Pandora und Erdgeist von Frank Wedekind
Mit Louise Brooks (Lulu), Alice Roberts (Geschwitz), Fritz Kortner, Franz Lederer.
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