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Mulholland Drive
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Die Geschichte ist eigentlich ganz einfach erzählt. Nicht so aber bei David Lynch, ein Meister des film noir, der es versteht, aus einem prinzipiell einfachen Stoff einen äußerst spannenden und vielfach geheimnisvollen Film zu machen. Denn auch am Schluß, als nach und nach viele Mysterien ausgelöst werden, bleiben viele offene Stellen, mit denen der Zuschauer teilweise verwirrt und durcheinander aus dem Kino geht. Zum einen deswegen, weil man in der Auflösung sämtliche Sinne auf maximalen Empfang stellen muß, um alles mitzubekommen, und zum anderen weil einem die Spannung und die Hin- und Hergerissenheit aus dem ersten Teil noch tief in den Knochen steckt. Wer mit einer kompletten Auflösung rechnet, hat vermutlich auch noch keinen David Lynch Film gesehen. "Lynchs Filme beschwören immer zweierlei: Sie träumen von der Erklärbarkeit des Lebens und zugleich von dessen Unerklärbarkeit."[1] Ein Film zum Nachdenken also, und nicht einfach zum Konsumieren.
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Auf dem Mulholland Drive hoch über Hollywood fährt langsam eine Limousine entlang. Sie windet sich Kurve um Kurve den Drive entlang, begleitet von anschwellender Musik. Dann Cut zu zwei Autos, die wie wild nebeneinander her rasen und aus deren offenen Verdecks Menschen gröhlend heraus schauen. Cut. Die Limousine fährt immer noch gemächlich den Drive entlang. Cut. Die rasende Gesellschaft. Cut. Die Limousine hält. "Wir halten hier aber nicht", sagt die schöne dunkelhaarige Frau mit bestimmender Stimme, als der Fahrer sich umdreht und seinen Revolver auf sie richtet. Cut. Die rasenden Autos zerfetzen die Stille. Und Crash. Die Schöne der Nacht steigt als einzige unverletzt aus dem Auto. Sie ist verwirrt, weiß offenbar nicht wo sie ist, sieht auf die Lichter der Stadt hinunter und geht hinab. Sie verbringt die Nacht hinter einem Busch und schleicht sich am Tag in eine Wohnung, deren Mieterin gerade auf Reisen geht. Dort wird sie von der Nichte der Mieterin entdeckt, die vom Land nach Hollywood gekommen ist, um als Schauspielerin Karriere zu machen. Es stellt sich heraus, daß die dunkle Schönheit ihr Gedächtnis verloren hat. Sie nennt sich Rita in Anlehnung an eine Schauspielerin, die sie auf einem Plakat in der Wohnung gesehen hat.
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Der Rest des Films wird genauso rätselhaft sein wie der Anfang. Und je mehr Betty versucht, die Identität der fremden Rita heraus zu finden, desto mehr Fragen statt Antworten erhalten wir. Begleitet ist die Suchaktion, so wie viele andere Handlungsstränge, die sich immer mehr verweben, aber doch nicht hunder prozentig zusammen passen, in noch harmlosen Situationen von einer fast unerträglich langsamen Kameraführung, die bevorzugt von dunklen, anschwellenden Tönen begleitet ist, und so von einer spannungsgeladenen Situation zu anderen weist. Wechselnde Identitäten machen das Herstellen eines Zussammenhangs nicht gerde einfacher. Rita und Betty werden sich immer ähnlicher bis sie in Küssen ineinander verschmelzen. Betty gleicht sogar Ritas früherer Freundin auf erstaunliche Weise, was für neue Möglichkeiten sorgt, auf welche Art und Weise man die einzelnen Erzählfragmente zusammen bringen könnte. Jede Zuschauerin wird da wohl mit einer eigenen Version aus dem Film kommen, die der Version der Sitznachbarin nicht unbedingt gleichen muß. Die lesbische Komponente ist im Übrigen zentraler als dies in den meisten Filmbeschreibungen zu Mulholland Drive deutlich wird - wenn es überhaupt erwähnt wird. Allerdings müssen wir lange darauf warten, bis der erste Kuß kommt. Doch dann geht es Schlag auf Schlag und im Nachinein betrachtet könnte man Mulholland Drive sogar als lesbischen Film bezeichnen und nicht nur als film noir mit lesbischen Elementen.
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Außer Betty und Rita gibt es da noch den exzentrischen Regiesseur Adam Kesher, dem für seinen neuen Film die Besetzung der Hauptrolle von der Mafia aufgezwungen wird. Und diese Frau hat auch noch sehr große Ähnlichkeiten mit Betty. Doch ursprünglich war die Frau, die unter dem Namen der neuen Schauspielerin Kesher auch als seine Geliebte bekannt war, Rita in ihrem früheren Leben. Was geht hier vor? - Das wird eine Frage sein, die einen den ganzen Film hindurch beschäftigt. Doch den Schluß möchte ich nicht verraten, sonst ist zu viel der Spannung genommen. [2] Die Kritik an der Filmindustrie Hollywoods, die allgegenwärtig ist und ein metafiktionales Beiwerk darstellt, das nicht immer mit der vermeintlichen Hauptgeschichte in Einklang gebracht werden kann, ist mir jedoch oft zu viel. Manchmal ist man in Versuchung, sich darüber zu beschweren, daß hier wieder einmal ein Regiesseur über sein eigenes berufliches Umfeld herziehen muß, so wie viele Romanautoren immer wieder über den Schreibprozeß philosophieren. Ein anderes Mal entdeckt man aber doch Zusammenhänge zwischen den Mafia Vorgängen in der Filmbranche und Ritas Schicksal. Dann vermengen sich wieder beide Sichtweise und man ist wieder zurück im Mulholland Drive Grundzustand: der Schwebe, dem mystisch Unauflösbarem. Man kann hier spekulieren, ob das einfach nur typisch für David Lynch ist, oder ob das aus der Tatsache herrührt, daß Mulholland Drive der Zusammenschnitt einer ursprünglich geplanten Fernsehserie ist. Oder vielleicht beides? Merten Worthmann hat Mulholland Drive daher auch treffen als "eine der spektakulärsten Ruinen-Restaurationen der Filmgeschichte" [1] bezeichnet. Ach, reimt Euch doch selbst alles zusammen.
Ich bin mit gemischten Gefühlen aus dem Kino gekommen. Zum einen ist Mulholland Drive einfach ein Erlebnis, das man so schnell nicht vergißt, zum anderen jedoch war ich vom zweiten Teil etwas enttäuscht - nicht weil es nur einen Teil der Lösung bietet und einen mit vielen Fragen zurück läßt, sondern weil die Geschichte eigentlich so banal einfach ist und die Auflösung nicht so gut erzählt ist wie der erste Teil, der einen viel mehr fesselt. Eine Auflösung - auch wenn es eine fragmentierte ist - muß doch nicht so dem Rätsel hinterher hinken. Trotzdem: den Regie-Preis, den Lynch in Cannes für Mulholland Drive erhielt, ist gerechtfertigt. Die Regieführung ist in der Tat erstklassig. Und was die Schauspielerinnen angeht muß ich einfach sagen, daß beide an sich schon ein optischer Genuß sind.
USA, 2002, 145 min.
Regie: David Lynch
Drehbuch: David Lynch
Mit Naomi Watts (Betty Elms), Elena Harring (Rita Laura), Justin Theroux (Adam Kesher), Ann Miller (Coco Lenoix).
[1] Merten Worthmann. "Wetterleuchten des Lebens" Die Zeit, 3. Januar. 2002
[2] "Hier wird nichts verraten oder nicht sehr viel. Denn im Kino von David Lynch kommt es auf die Lösung (wenn es überhaupt so etwas gibt) weit weniger an als auf das Geheimnis, das ihr vorausgeht."
Merten Worthmann. "Wetterleuchten des Lebens" Die Zeit, 3. Januar.
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