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Lianna


Filmplakat 

Ein lesbischer Film von einem männlichen Regiesseur im Jahre 1983 - welche Gedanken gehen Euch dabei durch den Kopf? Sicherlich genau das Gegenteil von dem, was Lianna ist. Der Film ist seiner Zeit weit voraus, unvoreingenommen, offen und realistisch. Und mit letzterem holt er auch all die Happy-End Filme der 1990er Jahre ein, indem er nicht unaufhaltsam auf ein schmalziges und anrührend gutes Ende hinsteuert und damit die Träume der Zuschauerinnen bedient. Lianna bleibt stets mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität.

Lianna ist eine junge Mutter zweier Kinder, die mit ihrem ehemaligen Dozenten für Filmwissenschaft verheiratet ist. Dick kann jedoch weiterhin nicht die Finger von seinen Studentinnen lassen und erwartet von Lianna, daß sie seine Seitensprünge toleriert. Kinder und Ehefrau leiden unter seiner beständig schlechten Laune. Dick geht mit Lianna und den Kindern um, als ob sie nur lästiger Ballast wären. Sie scheinen ihn am Leben zu hindern, und doch braucht er sie als Fassade im sozialen Umfeld seiner Universität.
Als er jedoch eines Tages zu einem Filmfest nach Toronto reist, dreht sich das Blatt. Lianna besucht die charismatische Ruth, ihre Kinderpsychologiedozentin aus der Abendschule. Die Zuschauerin merkt es Lianna schon bei der Kleiderwahl vor dem Besuch an - Lianna hat sich verliebt. Sie selbst ist sich ihrer erwartungsvollen und freudigen Stimmung aber nicht ganz bewußt und ist noch etwas zögerlich, da dies für sie vollkommen neu ist. Es folgt eine wunderschöne, harmonische Annäherung zwischen den beiden. Und während Dick in Toronto ist, verbringt das frischgebackene Liebespaar eine glückliche Woche. Dick ist jedoch ein Mensch, der anderen Leuten - vor allem seiner Frau - nicht das Verhalten zugesteht, das er für sich wie selbstverständlich einräumt. Als Lianna ihm von ihrer Woche mit Ruth erzählt, verstößt er sie sofort. Es bestätigt sich hier der Verdacht, daß bei ihm nicht mehr viele Gefühle für sie vorhanden sind. Er ist lediglich darum besorgt, was "die anderen" denken werden und welche negativen Auswirkungen dies auf seinen gesellschaftlichen Status haben kann. Umso erstaunlicher ist jedoch wie er sich anschließend verhält. Einem solchen Mann würde man zutrauen, daß er Lianna in der Öffentlichkeit beschimpft und überall schlecht macht. Aber nichts dergleichen. Seine Erklärung gegenüber den Kindern ist sehr freundlich und läßt die Mutter in einem sehr guten Licht. Er pocht sogar auf Verständnis.

Die Reaktion des restlichen Umfelds ist zurückhaltend, aber nicht unfreundlich. In einem Jahr wie 1983, als Lianna gedreht wurde, klingt dies alles andere als selbstverständlich. Der Film bemüht sich sehr um ein positives Bild, das ihm auch ohne jegliche aufgesetzte Künstlichkeit gelingt. Insofern hat Lianna in den frühren 1980er Jahren viel zur Normalität und Selbstverständlichkeit beigetragen: Lesben sind nicht abartig, sondern genauso normal wie Heteros.

Video Cover

Doch der Film bleibt nicht nur bei diesem Thema. Er geht ein Stück weiter. Was passiert nach dieser schönen Woche mit Ruth und Lianna? Nicht viele Filme wagen sich an die Antwort auf eine solche Frage. Lianna hatte erwartet, daß sie bei Ruth leben kann und die beiden öffentlich zu ihrem Glück stehen. Doch Ruth ist die Vorsichtigere von beiden. Sie möchte nicht, daß jemand etwas erfährt, da sie der Meinung ist, dies könne ihre Lehramtsstelle gefährden. Im Jahre 1983 sicherlich keine unbegründete Befürchtung (selbst heute auch noch). Doch es steckt noch mehr dahinter. Ruth fühlt sich immer noch ihrer Exfreundin verbunden und nimmt die Beziehung mit ihr schließlich wieder auf. Für Lianna bricht die neu gewonnene Welt sofort wieder zusammen. Sie ist vollkommen auf sich selbst gestellt von nun an. Sie zieht in eine kalte und trostlose Wohnung, und sucht sich eine Arbeit. Trotz aller Schwierigkeiten läßt sie sich jedoch nicht das neu gewonnene Lebensgefühl nehmen und richtet ihren Blick stets nach vorne. Sie ist eine bemerkenswert starke Frau, die sich nicht von ihrem Weg abbringen läßt.

USA, 1983, 110 min.
Regie/Drehbuch: John Sayles
Produktion: Winwood Production
Verleih: Arsenal
Mit Linda Griffiths (Lianna), Jane Hallaren (Ruth), Jon DeVries (Dick).

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