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Infam


Karen und Martha 

Amerika ganz am Anfang der sechziger Jahre - eine Zeit, in der noch nicht einmal für die Heteros die Liebe laufen gelernt hatte. Was will man da schon von einem Film erwarten, der von der lesbischen Liebe handelt? Ähnlich wie in The Fox wird sie nicht anerkannt und als unnatürlich dargestellt. Und genauso wie in The Fox stirbt am Schluß die Lesbe, um der heterosexuellen Liebe der anderen nicht mehr im Wege zu stehen. Doch Infam geht noch weiter. Martha, die erst durch Verleumdungen erkennt, daß sie Karen liebt, empfindet diese Liebe selbst als ekelhaft und schämt sich dafür so sehr, daß der Selbstmord ihr der einzige Ausweg erscheint. Interessant ist, daß Karen, die von Anfang an eindeutig heterosexuell dargestellt wird, sich ähnlich verhält wie Ellen in The Fox, auch wenn sie nicht wie Ellen tatsächliche eine Beziehung zu ihrer Freundin eingeht. Sie steht zu Martha auch noch als die heterosexuelle Welt ihr hart zusetzt. Die Rolle des Liebhabers ist jedoch anders. Joe verachtet Martha nicht, er bietet ihr sogar an, mit ihm und Karen wegzugehen - auch dann noch als er selbst nachfragt, ob das Gerücht, die beiden hätten eine Beziehung miteinander, wahr sei.

Mary

Der Film fängt ganz friedlich, ja fast idyllisch an. Wir sehen eine perfekte Welt, in der fleißige Schülerinnen eine private Schule für Mädchen besuchen, die von den beiden sympatischen Frauen Karen Wright und Martha Dobie geleitet wird. Eine heile Welt, wie man sie im Amerika der sechziger Jahre gerne sah. Und nur wer weiß, um was es im Rest des Filmes geht, erkennt bereits am Anfang Marthas Liebe für Karen, die jeder andere Zuschauer als Bewunderung interpretieren muß. Martha schwärmt schon seit der Zeit, als sich die beiden auf dem College kennen lernten von Karen. In der einzig wirklich schönen Szene reden die beiden darüber, wie sie sich etwas zum Anziehen kaufen wollen. Martha entgegnet, daß sie nicht neues oder besonderes bräuchte ganz im Gegenteil zu Karen: "Du bist Fith Avenue, du mußt geschmückt werden." Doch diese angenehme Atmosphäre hält nicht lange an. Mary, eine ungezogene und von ihrer Großmutter verwöhnte Schülerin, mit einem abgrundtief bösen Blick, den man einem Kind gar nicht so zutraut, rächt sich für diverse Bestrafungen, indem sie ihrer Großmutter Mrs. Tilford erzählt, sie hätte die beiden Lehrerinnen in zärtlichen Momenten beobachtet. Mrs. Tilford nimmt daraufhin sofort Mary von der Schule und verbreitet das Gerücht bei allen anderen Eltern, die ebenso ihre Töchter von der Schule nehmen. Fortan werden Karen und Martha wie zwei Tiere im Zoo von den neugierigen Dorfbewohnern begafft, die einmal in ihrem Leben eine richtige Lesbe sehen wollen. Doch Karen ist gar nicht lesbisch und Martha ist sich ihrer Veranlagung bis zur Verleumdung durch Mary nicht bewußt. Ihre Eifersucht auf Karens Verlobten Joe und Bewunderung gegenüber Karen hat sie bis dato noch nicht als Liebe interpretiert und schlägt sogar nichts ahnend die eindeutigen Vorwürfe ihrer Tante in den Wind. Doch nachdem die Kinder alle aus der Schule sind und Karen und Martha den ganzen Tag in dem leeren Haus sitzen, hat Martha viel Zeit zum Nachdenken und erkennt, daß sie Karen tatsächlich liebt und gesteht ihr diese Liebe. Kurz nach diesem Tränen erfüllten Outing, dem Karen mit dem Vorschlag entgegnet, gemeinsam die Stadt zu verlassen, betritt Mrs. Tilford die Schule und bestätigt beschämt, daß Mary gelogen hatte. Doch ihre Wiedergutmachungsvorschläge kommen zu spät. Martha erhängt sich - scheinbar der einzige Ausweg, den sie aus ihrer schrecklichen Veranlagung sieht. Ein Ende, das bereits in den Vorwürfen der Tante vorher gewertet wird: "Gott wird dich dafür bestrafen" (Tante) "Er wird schon wissen, was er tut." (Martha)

Karen

Lesbisch zu sein ist also sogar für die Betroffenen selbst das schlimmste der Welt - und das wird nicht einmal hinterfragt, sondern bleibt so stehen. Ein Film im Dienste der Denunziation, der als großer Hollywoodstreifen so viel Publikum erreicht, daß man ihn schon fast der Demagogie bezeichnen könnte. Hier spürt man außerdem noch deutlich den Einfluß des Hays Code von 1927, der Ehe und Familie schützen sollte und daher unter anderem die Erwähnung "sexueller Perversionen" in Filmen untersagte. Zwar wurden nach 1927 homosexuelle Themen immer wieder versteckt angedeutet, doch auch in den sechziger Jahren, als man begannt, die Zensur auch bezüglich lesbischen Inhalten zu lockern, war es unmöglich, offen und direkt damit umzugehen. So wird das Wort lesbisch in Infam nie ausgesprochen. Stattdessen wird von es und die Sache gesprochen und der Regiesseur hatte aufgrund der immer noch wachen Zensur Angst, die Beziehung zwischen Karen und Martha bezüglich der lesbischen Veranlagung Marthas positiver zu gestalten. Und auch hinter der Leinwand wurde nie offen über lesbische Liebe diskutiert, was Shirley MacLaine in ihren Memoiren My Lucky Stars sehr bedauert.

Filmplakat

Wyler betonte zwar, daß das Hauptthema von Infam nicht die lesbische Liebe sei, sondern die Macht eines in Umlauf gesetzten Gerüchts. Doch schon das Filmplakat läßt anderes vermuten: Karen klebt geradezu an ihrem Verlobten Joe, wendet sich von Martha ab und ihr Gesichtsausdruck sieht aus als ob sie froh wäre, nicht so zu sein. Trotzdem ist Infam der erste größere Hollywood Film, der sein Hauptaugenmerk auf lesbische Frauen lenkt und der als erster einen Hollywoodstar in der Rolle einer Lesbe hat. Nur schade eben, daß die Lesben dabei so schlecht wegkommen. Daher wundert es mich auch immer wieder, warum ich den Film trotzdem gut fand. Die Antwort liegt auf der Hand, wenn man die negative Aussage über Lesben außer acht läßt: Katherine Hepburn und Shirley MacLaine spielen ausgezeichnet (der Film wurde für insgesamt fünf Oscars nominiert) und Infam ist spannend bis zum Schluß. Zudem sind Martha und Karen beide sehr liebenswerte Frauen - keine Monster oder gar Vampirinnen - und die tragischen Auswirkungen einer Lüge, die als Gerücht ihren Weg macht, werden sehr gut umgesetzt.

Karen

Infam basiert auf dem Theaterstück The Children's Hour von Lilian Hellman, das von Wyler nach Infame Lügen (1936, Originaltitel These Three) zum zweiten Mal verfilmt wurde. Für Hellman war The Children's Hour der erste Bühnenerfolg (1934). Das Stück basiert auf einer wahren Begebenheit, die als Fall vor Gericht in einem Buch von William Roughead beschrieben wird und in Edinburgh im 19. Jahrhundert stattfand. The Children's Hour wurde am Broadway fast 700 mal aufgeführt.


USA, 1961, 108 min.
Originaltitel: The Children's Hour
Regie: William Wyler
Drehbuch: John Michael Hayes (nach dem
Bühnenstück von Lillian Hellman)
Produktion: Worldwide
Verleih: United Artists
Video, vhs-ntsc
Mit Shirley MacLain (Martha), Audrey
Heburn (Karen), James Garner (Joe).
Kompletter Text des Bühnenstücks (engl.)

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