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Chutney Popcorn


Filmplakat 

Das lesbische Kino entdeckt die Babys! Und Chutney Popcorn ist einer der Filme, die ganz vorne mit dabei sind in dieser neuen Bewegung, wie auch Women love Women. Nur hat Chutney Popcorn einen vollkommen anderen Ansatz. Es ist hier nämlich nicht ein lesbisches Paar, das sich sehnlichst ein Kind wünscht, sondern Sarita, die Schwester von Reena. Und Reenas Freundin ist alles andere als begeistert, als Reena durch eine Reihe von Ereignissen das Baby schließlich selbst aufziehen und nicht wie ursprüglich vereinbart an ihre unfruchtbare Schwester abgeben wird.

Sarita, ihre Mutter und Reena

New York, vermutlich Greenwich Village, da es an allen Ecken nur so von Lesben wimmelt. (In einer Szene vor dem Kosmetikladen, in dem Reena arbeitet, sitzt sie mit einer Freundin auf dem Gehweg, die Zuschauer sehen nur die Beine der vorbeilaufenden Frauen, und Reenas Freundin fragt bei jeder, die vor ihnen vorbei läuft "dyke?" und Reena antwortet meist "dyke.", nur einmal "definitely straight." - eine interessante Studie, in der man mal seine eigenen Klischeevorstellungen testen kann!) Reena malt in diesem Kosmetikladen hauptsächlich Henna Tattoos und photographiert hinterher ihre Klientinnen mit ihrer Spiegelreflex. Ihre Bilder und die Muster der Tattoos sind fantastisch und harmonieren sehr schön mit den vielen atmosphärisch gelungenen Bilder in diesem Film. Man möchte sich glatt selbst ein solches Bild in die Wohnung hängen. Doch ihre indische Familie erkennt weder ihre Kunst noch ihre Homosexualität an. Ihre Mutter nennt letzteres sogar "disability" und hofft, daß das Baby sie davon heilen wird. Reenas Schwester Sarita ist eher genervt von deren Lebensweise, steht sie doch im glatten Gegensatz zu ihrem eigenen Traum der glücklichen Großfamilie. Entsprechend geschockt ist sie, als ihr mitgeteilt wird, daß sie keine Kinder bekommen kann, ihre Schwester, die sich als Leihmutter anbietet jedoch alle körperlichen Voraussetzungen dazu hat. "Of course my lesbian sister can have babys!" ist ihre eher verzweifelte Reaktion dazu. Hier und auch an vielen anderen Stellen im Film wird deutlich, wie sehr in der heterosexuellen, aber auch vielfach homosexuellen Gesellschaft Homosexualität vom Kinderkriegen in deren Vorstellung getrennt ist. Zwei Dinge, die scheinbar nicht zusammen passen. Doch Chutney Popcorn zeigt gen Schluß, wie ein solcher Lebensentwurf aussehen kann.

Lisa, Reena und Sarita

Als Sarita und ihr Mann Mitch Reenas Vorschlag zustimmen beginnt für alle ein Wechselbad der Gefühle. Mitch wünscht sich nichts sehnlicher als Vater zu werden und ist von Reeans Vorschlag ganz begeistert, fühlt sich aber dennoch mehr als komisch, bei der Ärztin in einen Becher zu wichsen, wenn alle im Wartezimmer genau wissen warum er hier ist. In diesen Szenen gibt es übrigens wunderbare bildliche Parallelen, über die man sich wirklich krumm lachen kann. Lisa stimmt dem Ganzen nur widerwillig zu und ist ganz und gar nicht begeistert, als sie den job der Insemination übernehmen darf. "This stuff stinks!" (Auch hier gibt es wieder herrliche Szenen - Lisa mit Haarhaube und gelben Gummihandschuhen, unser Blickwinkel der von Reena, die belustigt zusieht wie Lisa das gewisse Töpfchen öffnet, die Nase rüpft und das Gesicht verzieht, den Inkubator fallen läßt, abtaucht, ihre gelbe Gummihand dabei auf Reenas Schenkel läßt und mit einem völlig verstaubten Inkubator wieder im Blickfeld auftaucht.) So lustig diese Szenen sind, so entgeht einem jedoch nicht daß die Beziehung der beiden deutlich zu leiden beginnt. Sarita ist von Anfang an sehr skeptisch, stimmt dem ganzen Vorhaben dennoch zu, verspricht es ihr doch ein Stück vom Traum der Großfamilie. Im weiteren Verlauf wird sie immer mehr an den Rand gedrängt, nur noch das Baby, das sich einfach nicht nach ein paar Versuchen zeugen lassen will, steht im Mittelpunkt aller. Und schließlich fordert sie ihre Schwester auf, damit aufzuhören. Doch schon zu spät. Reena ist schwanger. Mitch freut sich wahnsinnig, doch Sarita will das Baby nicht mehr. Mitch ist zu feige, sich durchzusetzen und Reena steht plötzlich mit ihrem runden Bauch alleine da. Denn auch ihre Freundin Lisa verläßt sie. "Nine months was one thing, but raising a baby is another." Und in der community wird sie nur noch schräg von der Seite angeschaut, da es Lesben mit kugelrunden Babybäuchen ja nicht gibt. Reena ist eine Zeit lang schlicht und ergreifend deprimiert, beginnt dann aber sich mehr und mehr auf ihr Baby zu konzentrieren und schöpft daraus Kraft. Wenig später kommt Mitch auf sich zu und aus seiner Gestik wird klar, daß von ihm volle Unterstützung zu erwarten ist. Und was kaum zu glauben ist - Reenas Mutter kommt schließlich doch auf sie zu. Sie gibt zwar vor, sich um das Baby zu sorgen, doch es wird deutlich, daß Reena ihr viel bedeutet und schließlich akzeptiert sie sogar deren Homosexualität. Das Happy End nimmt also seinen Lauf (zum Glück ohne dabei kitschig zu werden). Auch Lisa kommt reumütig zurück. Nur Sarita fühlt sich weiterhin als Außenseiterin in der ganzen Geschichte. Ja, es erfolgt sogar ein fast perfekter Rollenwechsel zwischen Reena und Sarita. Sarita entdeckt Reenas Motorad in ihrer Garage und fährt nun an deren Stelle damit durch die Gegend, und Reena ist nun mit ihrem Baby Mittelpunkt der Großfamilie, die jedoch "etwas" anders aussieht als Saritas Traum: Reena und Lisa bilden das glückliche Ehepaar, Mitch, der stolze Vater, freut sich ebenso unbändig, wie die beiden Großmütter, Reenas und Lisas Mütter. Und damit das Happy End komplett ist, werden Lisa und Reena auch vollständig wieder in ihren lesbischen Freundeskreis integriert, der sich ebenso an dem Baby erfreut. Wenn man die Szenen sieht, in denen Sarita bei dieser bunt zusammen gewürfelten Familie sich immer noch wie eine Außenseiterin verhält, obwohl alle anderen sie ermutigen, an der allgemeinen Freude teilzuhaben, könnte man fast von einer visuellen Rache am stereotypen heterosexuellen Lebensentwurf sprechen. Diese Bilder sollten sich doch mal unsere netten "christlichen" Politiker anschauen. Wer will angesichts einer solchen Großfamilie noch von der Zerstörung der Familie reden? Im Gegenteil: sie ist sogar größer als die Durchschnittsfamilie der heutigen Zeit. Da freut sich doch mein lesbisches Herz.

Sarita und Mitch

Unbedingt erwähnen möchte ich noch meine Lieblingsfigur Lisas Mutter, für die Lisas Homosexualität das Natürlichste der Welt ist und die ihre Tochter stets als Mann in ihrer Beziehung zu Reena sieht (wobei sie nicht ganz unrecht hat, wenn man Lisas Verhaltensweisen betrachtet). Als Lisa vor dem Baby zu ihrer Mutter flieht und klagt, daß es nicht mal ihr eigenes sei, meint ihre Mutter nur "That's what they all say!" Und nachdem das Kind auf der Welt ist und sich alles glücklich umarmen, sagt Lisas Mutter voller Enthusiasmus einer frisch gebackenen Oma "It just looks like you!" Ganz im Gegensatz dazu steht Reenas Mutter, deren indisches Englisch einfach herrlich ist. Ihre Bemerkungen sind in ihrer eigentümlichen Sprache immer wieder ein Lacher. Doch hier geht es um mehr, nämlich das, was sich sowohl im indisch-englischen Titel Chutney Popcorn als auch im gegensätzlichen Familienentwurf Reenas und Saritas wiederspiegelt. Saritas folgt den traditionellen indischen Brächen, ist jedoch ebenso wie Reenas Lebensweise bereits von der neuen amerikanischen Welt beeinflußt. Ihre Mutter kann sich dem auch nicht entziehen, wenngleich sie es ist, die die indischen Traditionen aufrecht hält. Die indischen Rituale werden oft aufs Korn genommen. Die Mutter beginnt zu vergessen, was in einem Ritual nacheinander kommt und für was manche Reliquien stehen. So wirken sie nur noch wie Rituale, die um ihrer selbst willen gepflegt werden und nur noch ein kleines Stück der ursprünglichen Heimat bieten können. Chutney Popcorn ist damit nicht nur eine lesbische Geschichte, sondern auch ein Film über den Verlust der Tradition von Einwanderern und den Wandel der Zeit.
Leider hat es Chutney Popcorn noch nicht in die Kinos geschafft, obwohl dies von Anfang an geplant war. Immer wieder wurde der Start verschoben. So wird der Film inzwischen auf Filmfestival gezeigt und uns bleibt nur die Hoffnung, daß er demnächst im Fernsehen läuft oder auf Video erscheint. Denn Chutney Popcorn ist ein Film, den man immer wieder anschauen kann. Das zeigt sich übrigens auch in den vielen Preisen, die Chutney Popcorn schon abgeräumt hat: Zweiter Preis beim Audience Award Berlin Film Festival 2000, Best Feature Film Public Award beim Paris International Film Festival 2001, Best Feature Film Audience Award beim Madrid International Film Festival 2001, Best of Festival Award und Best Narrative Feature beim Ojai Film Festival 2000, Audience Award beim Newport Film Festival 1999, Best Feature Film beim San Francisco Film Festival 1999, Best Feature Film beim Los Angeles Outfest Film Festival 1999.

USA, 1999, 92 min.
Regie / Drehbuch: Nisha Ganatra
Mit Sakina Jaffrey (Sarita), Nisha Ganatra (Reena), Madhur Jaffrey (Reenas Mutter), Nick Chinlund (Mitch), Jill Hennessy (Lisa).

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