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Andrea Keller.
Strömung.


Titelbild 
Als ich dieses Buch erwarb, schaute mich der schwule Buchhändler an und meinte: "Aha, DIE Strömung." Ich wunderte mich ein wenig, daß er und nicht ich wußte, daß die Strömung sehr bekannt ist. Schließlich hatte ich das Buch gekauft, weil mich die Geschichte interessierte. Im Vorwort zur Auflage im Orlanda Verlag wurde mein Unwissen dann getilgt: die Strömung wurde zweimal im Frauenverlag Zaunreiter aufgelegt und war danach vollkommen vergriffen. Warum das Buch ein solch großes Interesse hervorruft, ist nicht schwer zu verstehen. Mein Interesse an der Geschichte hat sich während dem Lesen in Faszination verwandelt. Die Strömung ist in einer ungewöhnlichen Sprache geschrieben. So findet man hier wunderschöne Bilder und Wortkombinationen wie zum Beispiel als Milenka vom morgendlichen Bad im Fluß zurückkehrt: "Sie turnte behende den steilen Pfad hinauf und schüttelte sich auf der Veranda zwischen den Oleanderbäumen ein Brilliantfeuerwerk von Spektralfarben aus dem nassen Haar. Es würde wieder heiß werden. Alle Blüten waren hellwach." Außerdem ist die Geschichte äußerst spannend.

Sie beginnt damit wie die Installateurin Milenka im Haus am Fluß eine neue Liebe, Anna, kennen lernt, und schwenkt von dorthin in die Vergangenheit zu jenem wunderbaren Tag, an dem Milenka Mascha zum ersten Mal traf. Mascha war ihre große Liebe, die an deren psychischen Problemen zerbrach. Ihr Vater, ein berühmte Chriurg, von dessen sadomachistischen Veranlagung die schöne Gesellschaft nichts weiß, hat sie mehrmals mißbraucht. Mascha kommt damit nicht zurecht und kann sich auch nicht gegen ihren Vater stellen, damit die ganze Sache endlich ein Ende hat. Stattdessen wandert sie fast wurzellos von einer Party zu der anderen, versucht Spaß im Leben zu haben und den Rest zu unterdrücken. Daß ihr dies nicht gelingt beweisen ihre vielzähligen Ausbrüche, in denen sie alles um sich herum kurz und klein schlägt. Milenka redet ihr immer wieder zu, doch Mascha schafft den Sprung zur Loslösung nicht, was schließlich zum Ende der Beziehung führt. Eines Tages wird Mascha zu einem großen, aber bedrohlichem Anwesen gerufen, um dort die Verstopfung eines Waschbeckens zu beseitigen. Sie weiß nicht, daß dies das Haus von Hardeck, Maschas Vater, ist. Plötzlich hört sie Maschas Stimme, wie sie ihrem Vater entgegen tritt und ihm droht, an die Öffentlichkeit zu gehen, damit endlich Schluß ist. Ein kurzer Schlag und Milenka wird klar, daß Hardeck soeben seine Tochter umgebracht hat. Milenka flieht aus dem Haus, voller Angst nicht mehr wegzukommen und von Hardeck und dessen Beziehungen in der Gesellschaft fertig gemacht zu werden. Aus dem selben Grund geht sie auch nicht zur Polizei. Offiziell ist Mascha schlicht überraschend in einem Unfall gestorben. Dies alles erfahren wir stückhenweise in Rückblenden während Milenka ein paar Tage mit Anna verbringt. Es ist eine sehr glückliche Beziehung. Doch da gibt es einen schwarzen Punkt: Anna verdient ihre Brötchen damit, Hardecks sadomachistische Leidenschaften zu befriedigen, von dessen Tochtermord sie nichts weiß. Milenka bewegt Anna schließlich dazu, damit aufzuhören und da ist noch Doris, die Anna zu diesem job verholfen hat und Milenka aus dem Hause Hardeck fliehen sah und offensichtlich darauf gebaut hatte, daß sie Milenka über Anna wieder finden würde.... Doch weiter soll nichts verraten werden, denn die Strömung arbeitet ständig mit Anspielungen und spannungserzeugenden Elementen. So viel sei jedoch verraten: der Schluß hat sicherlich auch mit zur Berühmtheit des Buches beigetragen.

Ja, aber warum heißt das Buch denn nun Strömung? Fließendes Wasser spielt durchweg eine wichtige Rolle. Anna wohnt am Fluß, Milenka repariert mit Vorliebe verstopfte Waschbecken, weil sie es fasziniert, wie am Schluß das Wasser wieder frei fließt. "Leben ist Bewegung. Es bleibt nicht wie es ist." Und diese Bewegungen werden immer in Verbindung mit Wasser beschrieben. Besonders der Sex als Leben gebendes Elixier wird wie ein Bad im strömenden Fluß beschrieben. Die Strömung wird so zu einem zentralen Motiv.

Die einzigen Kritikpunkte in diesem überaus faszinierenden Buch sind zum einen die vielen Druckfehler, über die man ständig stolpert und die Tatsache, daß das Klischee der Bier trinkenden und rauchenden Lesbe allzu oft bedient wird. Es springt einem regelrecht ins Auge, daß bei jeder Gelegenheit ein Bier getrunken wird. Milenka als Installateurin komplettiert dieses Lesbenbild nur. Trotzdem: die Strömung ist ein Roman, den ich auch wieder und wieder lesen würde. Er ist sozialkritisch und findet eine Lösung, die ... Moment, das wollte ich ja eigentlich nicht verraten ;-)

Andrea Keller, Jahrgang 1958, studierte Kommunikationsdesign, Pädagogik und freie bildende Kunst. Seit 1993 ist sie frei schaffende Grafikerin, hält Lehrveranstaltungen und leitet zahlreiche Kurse und Workshops. Sie lebt und schreibt in Karlsruhe. Gemeinsam mit Eveline Ratzel veröffentlichte sie das Buch Clanfrauen.

Keller, Andrea. Strömung. Berlin: Orlanda, 2001. ISBN 3-929823-78-0. 159 Seiten.

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