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Dokumente lesbisch-schwuler Emanzipation.
Opfer, Täter, Angebote: Gewalt gegen Schwule und Lesben.

G ewalt gegen Schwule und Lesben? Gibt es das auch in Deutschland und ist es hier genauso schlimm wie in
den USA? Gibt es hier auch Opfer, die wie Matthew Shepard regelrecht hingerichtet werden? Die Statistiken sind erschreckend.
Berücksichtigt man, daß die wenigsten Gewalttaten gemeldet werden, zum Beispiel aus Angst, man würde in eine staatliche
Liste Homosexueller eingetragen, kann es einem schon mulmig werden. Das nächste Opfer könnte man genausogut selbst sein. In
Opfer, Täter, Angebote: Gewalt gegen Schwule und Lesben findet man u.a. dazu Gedanken, die zur Vorbeugung solcher Taten helfen
können, indem man versucht zu verstehen, was die Täter motiviert ("kenne deinen Feind damit du ihm ausweichen kannst"). Und
sollte es doch einmal passiert sein, findet man im Anhang eine Liste hilfreicher Adressen und Hinweise zur Registrierung persönlicher
Daten.
Das vorliegende Heft richtet sich allerdings nicht nur an Opfer von Gewalt,
sondern auch an Sozialarbeiter, Menschen, die Opfer oder potentielle Tätern kennen und an Lehrer, die zur Aufklärung und
Beseitugung einer falschen Vorstellung von Homosexualität beitragen können. Dementsprechend breitgefächert sind auch die
Artikel thematisch angelegt.
Der erste Artikel bietet einen statistischen Überblick über die
Meinung der Bevölkerung zur Homosexualität. Dort finden sich Zahlen zur Schwulenfeindlichkeit, zur mehrheitlich
befürworteten Akzeptanz und geteilten Meinung über das Adoptionsrecht und andere Rechte für Homosexuelle. Besonders
interessant sind bei dieser Erhebung die unterschiedlichen Zahlen von Ost- und Westdeutschland und besonders abschreckend die Kommentare
mancher, was man mit Homosexuellen am besten machen sollte. Angesichts solcher Äußerungen wie "Was die Homosexuellen treiben,
ist doch eine Schweinerei [...] Wir brauchen wieder strengere Strafvorschriften." ist die Festellung einleuchtend, daß "Unsere
Gesellschaft [dazu] neigt [...], Konflikte nicht selbst zu lösen, sondern auf Minderheiten zu übertragen. So ist festzustellen,
daß meist männliche Jugendliche nach Sündenböcken suchen und z.B. Gewalt gegen Lesben und Schwule ausüben."
Besonders untersucht wird dies bei männlichen Jugendtätern, die scheinbar ihre Männlichkeit beweisen müssen, indem sie
jeden Verdacht auf Homosexualität von sich weisen. Im extremen Fall machen sie das nicht nur, indem sie Witze über Schwule
erzählen oder diese öffentlich beschimpfen, sondern auch Gewalt anwenden. Dabei bestätigen sie ihre Männlichkeit in
zweierlei Hinsicht: sie weisen Homosexualität von sich und haben sich als Mitglied des starken Geschlechts bewiesen.
Auch Vater Staat wird in der Frage nach den Ursachen nicht verschont. Dennoch
bleibt die Kritik an der Förderung von Homophobie bzw. an unterlassener Entmythifizierung der Homosexualität als etwas Unnormales
und einer "ich-hab-nichts-gegen-Homosexuelle-solange-ich-nichts-mit-ihnen-zu-tun-habe" - Haltung unzureichend. Außerdem bietet
Opfer, Täter, Angebote: Gewalt gegen Schwule und Lesben fast ausschließlich Berichte und Analysen über Gewalt gegen
Schwule. Daß trotzdem immer von einem Problem für Schwule und Lesben gesprochen wird, ändert an dieser Tatsache jedoch
nichts. Man hat eher das Gefühl, daß die Lesben wie so oft in der öffentlichen Diskussion nur ein Anhängsel bleiben
und mehr aus politischer Korrektheit erwähnt werden als aus Anerkennung ihrer tatsächlichen Existenz. Als Grund für die eher
nebensächliche Betrachtung von Gewalt gegen Lesben wird angeführt, daß diese Gewalt zwar stattfindet, aber nicht gemeldet
wird. Und wie der Autor eines Artikels leicht ironisch bemerkt: "Lesben sind starke und selbstbewußte Frauen, und deshalb passiert
ihnen nichts - und wenn doch, dann sind sie aufgrund ihrer Selbstverteidigungskenntnisse in der Lage, sich erfolgreich zu wehren.". D.h.
Opfer einer Gewalttat zu sein paßt einfach nicht in das gängige Bild einer Lesbe und deswegen wird davon auch sehr wenig
bekannt. Aber sind wir tatsächlich so unverletzlich? Sind wir nicht auch Menschen? Betrachtet man die verherenden Auswirkungen auf ein
Gewaltopfer nicht nur physischer, sondern vor allem auch psychischer Art, so sollten sich auch Lesben darüber im Klaren sein,
daß sie Opfer von Gewalt werden können und sich dementsprechend schützen sollten und Hilfe annehmen, wenn sie zum Opfer
wurden.
Insgesamt gesehen ist Opfer, Täter, Angebote: Gewalt gegen Schwule und
Lesben dennoch ein sehr informatives Heft, das als Einführung in das Thema Antihomosexuelle Gewalt und bietet einen Ansatzreichen
Einblick in das, was sozusagen hinter den Kulissen in den Köpfen von Tätern und Opfern vor sich geht. Bleibt zu hoffen, daß
eine ausführliche Untersuchung in Bezug auf Lesben bald möglich sein wird.
Inhaltsverzeichnis:
- Einstellung und Ausmaß der Akzeptanz gegenüber Schwulen
- Gewalt gegen Lesben und Schwule - ein Modethema oder empirisch belegbar?
- Die Notlage der Opfer
- Zur Situation und Motivation jugendlicher Täter
- Selbsthilfe ist unverzichtbar
- Gewalt gegen Lesben - ein Tabu?
- Schwule klatschen - kein Kavaliersdelikt!
- Homosexualität und Polizei
- Pro und Contra Registrierung sensibler Personendaten
- Homophobie - Heterosexismus, Einflußmöglichkeiten des Staates
- Stellen jugendliche Migranten die Toleranz gegenüber Lesben und Schwulen in
Frage?
- Links ist cool, rechts ist schwul - zur Schwulenfeindlichkeit männlicher Jugendlicher in
der offenen Jugendarbeit
- Jungensozialisation: Gewalt gegen Schwule als Problemlösung?
- Adressen
Dokumente
lesbisch-schwuler Emanzipation des Fachbereichs für gleichgeschlechtliche Lebensweisen Nr.15. Opfer, Täter, Angebote:
Gewalt gegen Schwule und Lesben.Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport, Fachbereich für gleichgeschlechtliche
Lebensweisen, Alte Jakobstr.12, 10969 Berlin. 63 Seiten, 1996.
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