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Karin Lützen
Frauen lieben Frauen.


Cover 
Vor uns liegt ein echter Klassiker der Lesbenliteratur, der in sehr vielen lesbischen Haushalten zu finden ist. Zum Zeitpunkt des Erscheinens 1985 war Frauen lieben Frauen geradezu eine Pionierarbeit. Nur wenige AutorInnen beschäftigten sich mit der historischen Erkundung des weiblichen Begehrens - sowohl aus der gesellschaftlichen, d.h. vorwiegend patriarchaischen Sicht, als auch aus der Sicht der Frauen - wenngleich das nicht einmal 20 Jahre her ist. Karin Lützens Forschungen umfassen den Zeitraum von 1825 bis 1970 und bildet für alle weiteren Forschungen eine unschätzbar wichtige Grundlage. Ursprünglich wurde Frauen lieben Frauen als Doktorarbeit im Fach Volkskunde an der Universität Kopenhagen verfaßt und entstand aus zahlreichen Hausarbeiten, einer Magisterarbeit und einer Examensvorlesung von Karin Lützen. Nicht nur hieraus, sondern auch anhand des ausführlichen Inhaltsverzeichnisses läßt sich ablesen, wie fundiert Lützens Forschung ist. Über dieses Buch könnte man selbst ein Buch schreiben, so umfassend und gut ist es.

Als roter Faden dient das weibliche Begehren, das sich sowohl im Verständnis der Frauen als aus dem Blickwinkel der Männer im Laufe der 150 Jahre, die Karin Lützen untersucht, stark verändert hat. Dabei muß beachtet werden, daß früher andere Begriffe verwendet wurden als heute. Im frühen 19. Jahrhundert gab es den Begriff Homosexualität noch nicht und daher wird man in historischen Quellen vergeblich danach suchen. Stattdessen wurde der allominöse Begriff Frauenfreundschaften verwendet, der so ziemlich alles bedeuten kann. Karin Lützen ist daher auch bemüht, die Dokumentation dieser Zeit so neutral wie möglich zu halten. Sie beschreibt wie solche Frauenfreundschaften offiziell gelebt wurden, was in Dokumenten überliefert ist und wo Frauen Raum fanden, sich gegenseitig zu verständigen bzw. wo es für sie möglich gewesen wäre eine lesbische Liebe einzugehen. Dabei geht sie zum Beispiel speziell auf Mädchenschulen ein. Frauen lieben Frauen fördert hier und auch in den Kapiteln über das Patriarchat das Verständnis für die Auffassungen vergangener Zeiten. Es versucht zu erklären wie Meinungen über Frauen entstanden und dies gelingt Lützen auch fabelhaft in ihrer objektiven Art, in der sie nichts verurteilt, sondern nur beschreibt und die Kritik der einzelnen Leserin selbst überläßt.

Das Buch gliedert die Betrachtung der Frauen in vier Zeiteinstufungen: Die bürgerliche Frau 1825 - 1870, die Übergangsfrau 1870 - 1915, die moderne Frau 1915 - 1970 und die Frau der Gegenwart 1970 - 1985. Diese Kapitel sind wiederum in drei Teile gegliedert, die die verschiedenen Blickwinkel erhellen: Verhalten und Bewußtsein der Frauen, sowie die Sicht des Patriarchats. Beginnend im frühen 19. Jahrhundert beschreibt Lützen wie Frauenfreundschaften als rein betrachtet wurden und auch lesbische Beziehungen, die damals nicht als solche bezeichnet wurden, hoch angesehen waren. Und alles nur weil der Frau kein Begehren zugeschrieben wurde, sondern dies nach damaliger Ansicht nur von den Männern ausging. Wie sich dies jedoch gewandelt hat vor allem dadurch, daß die Frauen während der industriellen Revolution finanziell unabhängig wurden von den Männern und diese nun richtiggehend Angst vor Frauenbeziehungen hatten und sie daher als verwerflich einstuften, untersucht Lützen sehr detailreich. Die Beispiele aus Literatur und der Realität stammen dabei nicht nur aus Dänemark, dem Heimatland der Autorin, sondern auch aus berühmten Quellen Englands und Frankreichs. Lützen beschreibt wie Homosexualität (ein Begriff, der erst Ende des 19. Jahrhunderts von der medizinischen Wissenschaft geprägt wurde) als Perversion Eingang in das gesellschaftliche Denken fand, wie sich die Frauen langsam selbst als homosexuell bezeichneten und Rollen entwickelten, und wie die Subkultur entstand. Im weiteren Verlauf des Buches geht sie auf die feministische Bewegung ein und welche Rolle Lesben darin gespielt haben. In der sonst so objektiven Beschreibung fließen hier einige Kritikpunkte ein. Den Abschluß bildet ein kurzer Abschnitt über weiter interessante Themen, die Lützen nur anreißen konnte oder noch im Zusammenhang zu ihren Ausführungen stehen. Und wie in einer wissenschaftlichen Arbeit üblich beschließen das Buch ein guter Index und ein ausführliches Literaturverzeichnis. Doch keine bange: Frauen lieben Frauen liest sich sehr gut und setzt keinen Doktor in Sozialwissenschaften voraus.


Inhaltsverzeichnis

  • Prolog
    • War sie lesbisch?
    • Die Veränderlichkeit des Begehrens
    • Der Hintergrund der Forscherin
    • Die Forscherin und die begehrlose Liebe
  • Die bürgerliche Frau 1825 - 1870
    • Bewußtsein
      • Die geistigen Werte
      • Moralische Überlegenheit und doppelte Moral
      • Die Liebe ist ein Geschenk
      • Die liebevollen Frauenfreundschaften
    • Verhalten
      • Die Reinheit der Leidenschaft
      • Seelisches Begehren
      • Begehrenswerte Engel
      • Die seelische Vereinigung
    • Das Patriarchat
      • Die Frau als Samenbehälter und Samensaugerin
      • Carmen & Co.
      • Begehren und Besitzen
      • Das Blutbad im Boudoir
      • Verwirrtes Begehren
      • Das unbefriedigte Begehren der verdammten Frauen
      • Das Opfer der Besitzenden
      • Von der Mörderin zur Ermordeten
  • Die Übergangsfrau 1870 - 1915
    • Bewußtsein
      • Die gemeinsame Arbeit für die Emanzipation der Frau
      • Die gemeinsame Arbeit für die Moralische Reform
      • Die gemeinsame Begehrlosigkeit schafft Gemeinsamkeit
      • Gemeinsame Bevormundung
      • Sittlichkeitsbewußtsein und Frauenliebe
    • Verhalten
      • Liebesvereinigung und Mädchenschule
      • Schulmädchen verlangen nach Vereinigung
      • Abgewiesenes Begehren
      • Die Vereinigung in dienender Liebe
      • Schriftstellerinnen und ihre ebenbürtige Vereinigung
      • Lehrerinnen und ihre ebenbürtige Vereinigung
      • Macht und Begehren
    • Das Patriarchat
      • Begehren und Verderbtheit
      • Die schamlosen Dirnen und ihr Verlangen nach Frauen
      • Der begehrende Unmensch
      • Die aufopferungsvolle Gräfin
      • Die Tribade ist genauso verderbt wie der Sodomit
      • Die Sittlichkeitsfehde
      • Sexualwissenschaft und der Begriff der Homosexualität
      • Die vermännlichte homosexuelle Frau
      • Das homosexuelle Begehren
      • Bekämpfung der Homosexualität
      • Die homosexuelle Subkultur entsteht
      • War die Übergangsfrau homosexuell?
  • Die moderne Frau 1915 - 1970
    • Bewußtsein
      • Das Begehren ist ein Geschenk
      • Wüstenhingabe
      • Die moderne Moralreform
      • Die Forderungen des Begehrens
      • Die Begehrlosigkeit wird zur Krankheit
      • Das allgemeine Begehren spaltet die Frauengemeinschaft
      • Heterosexualität, Homosexualität und die Gemeinschaft der Mädchen
      • Begehren und bewunderte Liebe aus der Entfernung
      • Die moderne Frau, Frauenliebe und Begehren
      • Die Begegnung mit der homosexuellen Verführerin
      • Die Übergangsfrau entdeckt das Begehren
    • Verhalten
      • Unterdrückung
      • Identität und Rolle
      • Die homosexuelle Subkultur
      • Das Recht auf Begehren
      • Ideal und Begehren
      • Das beschmutzte Begehren
      • Der Inhalt des Butch-Begehrens
      • Der Inhalt des Femme-Begehrens
      • Eroberung und Hingabe
      • Die Befriedigung des Butch-Begehrens
      • Die Befriedigung des Femme-Begehrens
      • Der Orgasmus
    • Das Patriarchat
      • Frigidität und Homosexualität als neue Abweichungen
      • Die Experten und die begehrlose homosexuelle Frau
      • Das Verlangen nach kleinen Mädchen
  • Die Frau der Gegenwart 1970 - 1985
    • Fachleute über Homosexualität
    • Der lesbische Feminismus
    • Lesbianismus
    • Die lesbische Geisel
    • Lesbisch-feministische Läuterung in den 70er Jahren
    • Butch und Femme sind wieder da
    • Lesbisch-feministischer Sex, Macht und Moral
  • Der Forscherin neue Fragen

Karin Lützen. Frauen lieben Frauen. München: Piper, 1992. ISBN 3-492-11424-5. 400 Seiten.

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