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Karen-Susan Fessel
Bilder von ihr.

Thea ist wie vom Unglück verfolgt. Immer wieder verliert sie einen wichtigen Menschen: zuerst ihren Vater noch als sie drei Jahre alt ist, im Teenager Alter ihre Mutter, später Jörn, den Freund ihres Onkels Paul und Paul hat sich bei Jörn auch noch mit dem HIV Virus angesteckt. Kein Wunder, daß sie Probleme hat, Nähe zuzulassen, wenn doch alles enden muß. Und kaum hat Suzannah ihr Herz erobert und Thea nach langen oft schwierigen Jahren, die von inneren Kämpfen und Weglaufen geprägt waren, gelernt wieder Nähe zuzulassen, stirbt Suzannah bei einem Autounfall. Bilder von ihr ist Theas Versuch, den unendlichen Schmerz zu überwinden, indem sie alles aufschreibt und Bilder von ihrer Beziehung mit Suzannah einfängt. In Flashbacks erzählt ergeben sich mehrere chronologische Handlungsstränge, in denen wir Theas Kindheit und Revolte im Teenager Alter kennen lernen, ihre Einstellung zum Leben an sich und ihre Beziehung zu Suzannah. In den Erinnerungen, in denen Thea Momenten mit Suzannah nachspürt, werden nicht nur Bilder von ihr gezeichnet, sondern auch immer mehr Bilder von mir, der Ich-Erzählerin Thea Lierse entworfen.
Bilder von ihr ist gewiß kein Roman mit Happy End. Es wird sogar schon sehr früh vorweggenommen, daß Suzannah sterben wird. Thea sitzt wie angewurzelt in ihrer Pariser Wohnung und kann sich nicht von den Erinnerungen an Suzannah lösen. Ihre neue Freundin, die transsexuelle Michelle, versucht immer wieder, mit Thea ein normales Leben zu führen und sie aufzumuntern. Doch Michelle gelingt dies stets nur vorübergehend. Thea bleibt in ihrer Wohnung und läßt die Bilder an sich vorbei ziehen, die sie schließlich beginnt niederzuschreiben. Und erst als sie alles ausformuliert hat, ist sie wieder in der Lage, richtig weiterzuleben und beginnt mit Michelle in Berlin von vorn.
Die Art wie sich Thea und Suzannah kennen lernen ist das einzig wirklich unwirkliche an dem Roman. Auch wenn Antje Wagner sagt, daß gerade solch ungewöhnliche Dinge schön sind in der Literatur, eben weil sie in der Realität selten bis nie passieren[1], hat mich diese Unmittelbarkeit in dem sonst so sinnlich abgestimmten Roman gestört. Wer würde im tatsächlichen Leben schon eine Frau ansprechen, die sie gerade zum ersten Mal im Vorübergehen im Vorzimmer ihres Chefs gesehen hat und diese auch noch auf einen Kaffe einladen? Suzannah beweist damit ihr gutes intuitives Gespür, denn die beiden sind sich von Anfang an sympatisch und bilden im Laufe der Zeit ein immer schöneres Paar. Da beide aber sehr eigenständig sind und Thea lange ihre Angst vor Nähe nicht abschütteln kann, behalten beide ihre Freiheit und damit auch ihr eigenes Leben. Durch ihre Arbeit als Photojournalistin reist Suzannah viel in der Weltgeschichte umher. Thea jobbt mal in dieser mal in jener Szenekneipe als Kellnerin und versucht derweil mit sich selbst klarzukommen, was sich oft auch als sehr schwierig für ihre Mitmenschen erweist. In vielen Szenen - besonders während sie ihre Zeit in der Wohnung ihres schwulen Onkels Paul verbringt - kommt sie einem wie eine spät pupertierende Teenagerin vor, obwohl sie dieses Alter schon länger hinter sich gelassen hat. Diese Verhaltensweise ist jedoch nur ein Symptom an der Oberfläche dafür mit welchen Probleme Thea in sich kämpft. Und auch heute sind diese Probleme noch nicht ganz gelöst, weshalb man als Leserin auch sehr viel von Theas Seelenleben erfährt neben den Beschreibungen über ihre wundervolle Beziehung mit Suzannah. Karen-Susan Fessel sagte einmal in einem Interview in der November Ausgabe von Lespress 1999, daß Suzannah ihre Traumpartnerin wäre: "Von meinem Gefühl her ist sie tatsächlich eine Art Traumfrau, das war dann auch richtig traurig, das Buch zu Ende zu schreiben zu müssen und sie dadurch als Person-Phantasie-Traumfrau zu verlieren." Vielleicht ist Bilder von ihr gerade deshalb so fesslend und romantisch und dann doch wieder mit Spannungen geladen, die man wegen dieser Traumbeziehung zwischen Thea und Suzannah gerne in Harmonie aufgelöst sehen will. Thea und Suzannah - ich werde die beiden vermissen, jetzt wo ich das Buch zu Ende gelesen habe.
Karen-Susan Fessel. Bilder von ihr. München: Piper, 20002. ISBN 3-492-22701-5. 354 Seiten.
Karen-Susan Fessel lebt in Berlin, studierte Theaterwissenschaften, Germanistik und Französisch und wollte schon mit fünf Jahren Schriftstellerin werden. Inzwischen kann sie davon sogar leben. Nach ihrem ersten Roman Und abends mit Beleuchtung, den sie 1994 im Konkursbuchverlag veröffentlichte und an dem drei Verlage Interesse hatten, erschienen Heuchelmund, Bilder von ihr, Sirib meine Königin, Was ich Moira nicht sage, sowie zwei Sachbücher und ein Kinderbuch.
[1] "Wonach sehnen Sie sich?", habe ich gefragt. "Sehnen Sie sich danach, nach der Arbeit nach Hause zu kommen und abzuwaschen? Sehnen sie sich danach,
alltäglich zu sein und Alltägliches zu erleben? Wenn Sie morgens die Augen
aufschlagen, ist es dann tatsächlich Ihr heißester Wunsch, einen richtig
alltäglichen Tag zu erleben, am besten ohne Veränderung bis an ihr
Lebensende? Wollten die Menschen nicht schon immer die Erde hinter sich
lassen und den Sternen etwas näher sein? Wieviele Liebeslieder gibt es
darüber, wieviele Bücher, wieviele Bilder. Das was nicht möglich ist, das was
hinter den Grenzen des Erreichbaren liegt - geht nicht dahin immer die
Sehnsucht?" (Antje Wagner. "Dichtung und Wahrheit". Lespress 9, 2000.)
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