|

|
 |

Manuela Kuck.
Hungrige Herzen.

Zwei hungrige Herzen, eine davon magersüchtig. Hungrig? Ja, nach Anerkennung und Liebe, das sind sie beide. Hunger ist eines der zentralen Themen dieses Romans und wird in vielen seiner Facetten dargestellt. Selbst als Leserin bekommt man Hunger, wenn beschrieben wird wie Rieke in ihrem Bistro am Berliner Kuhdamm eine Leckerei nach der anderen zubereitet und ihren Gästen serviert.
Riekes Bistro ist der zentrale Schauplatz. Alle treffen sich hier. Ihre Familie (nur zu Festlichkeiten, ansonsten schimpft ihre Mutter, daß sie mehr aus ihrem Leben machen hätte können als nur Bedienung für andere zu sein) und vor allem Riekes Freundeskreis. Britta und Kerstin, die schon als Schulfreundinnen eine eingeschworene Clique gebildet haben, fallen regelmäßig bei Rieke ein und schwärmen mal von neuen Liebhabern oder laden ihren Ehefrust ab - ein richtiger Tratschhaufen. Ihr Geplappere geht einem jedoch ganz gehörig auf den Keks und ich hoffte, daß der Roman so nicht weiter ginge. Doch wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt sind wir nicht die einzigen genervten Zuhörerinnen. Manuela Kuck läßt uns so nur geschickt das durchleben, was auch Rieke spürt. Rieke schlüpft selbst im Privaten immer wieder in ihre berufliche Rolle und hört ihren Freundinnen duldsam zu. Doch dann erscheint Paula, die früher zur Clique dazu gehörte und nach dem Abitur schlagartig nach Frankfurt verschwand. Mit ihr ändert sich Riekes Leben. Nach und nach wird Rieke bewußt warum sie schon damals so an Paula hing. Denn die Faszination flammt sofort wieder auf. Sie verliebt sich erneut (oder ist es immer noch?), erkennt diesesmal ihre Zuneigung richtig und beginnt ihre Heterosexualität aufzugeben (so richtig schwer fällt ihr das jedoch nicht).
Allerding wundert man sich schon, warum sie ausgerechnet für Paula schwärmt. Diese ist von Anfang an unnahbar und wenig erfreut die alte Clique wiederzusehen. Britta verwirft sich sofort mit ihr, wohl aber nicht nur wegen Paulas Verhalten sondern auch aus Neid um Paulas beruflichen Erfolg und ihre tolle Figur. Doch keine weiß, was wirklich hinter dieser steinharten und kontrollierten Fassade steht. Rieke merkt es auch erst als Paula einen Zusammenbruch erleidet. Paula ist magersüchtig. Sie ißt extrem wenig und kontrolliert, zählt bei allem Kalorien und trainiert diese zu Hause am Heimtrainer wieder ab. Und wenn das nicht hilft nimmt sie Abführmittel. Sie wiegt sich mehrmals täglich und trägt alle Werte sauber in ein Buch ein. Auch wenn Paula sehr stolz auf diese Erfolge ist und genießt wie andere sie um ihre schlanke, fast schon dürre Figur beneiden, stellt sie ihre Methoden nicht zur Schau. Sie genießt innerlich den Triumph über den Hunger und ihr geordnetes und extrem kontrolliertes Leben. Überraschungen läßt sie nicht zu.
Doch mit Rieke kommt dieses Leben ins Wanken. Als diese den Ernst der Krankheit erkennt holt sie sich Rat bei dem Medizinstudenten, der ihr im Bistro hilft. Liest man Hungrige Herzen, weil man eine magersüchtige Bekannte hat, bekommt man in diesem Gespräch jede Menge wertvolle Informationen und Tips. Und es scheint wie wenn die Autorin genau das wollte. Nicht nur dieses Gespräch, sondern auch der ganze Roman ist packend und ergreifend geschrieben. Ich habe ihn in zwei Tagen durchgelesen, weil er mich nicht mehr losgelassen hat.
Außer Rieke gibt es da noch Georg, der Riekes Bistro renoviert hat und zu einem ihrer besten Freunde gworden ist. Er ist der typische einfache Mensch, der etwas außerhalb der Stadt lebt, sich mit wenig zufrieden gibt und erstaunliche Weisheiten zu Tage bringt, die andere Menschen in ihrem Leben weiter bringen und ihnen die Augen öffnen. Durch ihn gewinnen sowohl Rieke als auch Paula hinzu. Durch ihn kommt Paula an das heran, was wirklich hinter ihrer Krankheit steckt. Und durch ihn wagt sie den Rundumschlag bei ihren Eltern, der den Knoten zum Lösen bringt. Rieke ist dabei ihre ständige Begleiterin, die geduldig und hartnäckig am Ball bleibt. So helfen sich beide im Leben und finden dadurch näher zueinander. Dennoch: es ist ein langwieriger Prozeß in dem beide nur stückchenweise voran kommen. So schön und manchmal zu schön und zu schnell Paulas Entwicklung erzählt wird, so allgegenwärtig sind auch die Schwierigkeiten ihrer Krankheit. So gibt der Roman ein fast ausgewogenes Bild, das von der Hoffnung und von Paulas Fortschritten zu einem Happy End getragen wird. Dadurch wird der Roman keine reine Problemgeschichte, sondern eine durch und durch schöne Erzählung, von der man nicht genug bekommen kann. Die am Anfang noch so seltsame Paula, die mit ihrer Sucht alles unter Kontrolle haben zu wollen eher stacksig und ungelenkt daher kommt, entwickelt sich zu einer liebenswürdigen Frau. Der Schluß des Romans ist in diesem Zusammenhang übrigens sehr gelungen. Allerdings möchte ich dieses schöne Bild, mit dem man zurück in die eigene Welt entlassen wird, nicht vorwegnehmen, da es viel eindrucksvoller ist, es selbst zu erleben.
Kuck, Manuela. Hungrige Herzen. Berlin: Krug und Schadenberg, 2003. ISBN 3-930041-36-7. 234 Seiten.
© 2004, sämtliche Rechte vorbehalten, -email entfernt-.
|
 |