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Barbara Gissrau.
Die Sehnsucht der Frau nach der Frau: Psychoanalyse und weibliche Homosexualität.


Titelbild 
In ihrem 1993 erstmals veröffentlichtem und 1997 erweitertem Buch Die Sehnsucht der Frau nach der Frau will Barbara Gissrau mit der weit verbreiteten Ansicht Homosexualität = Krankheit aufräumen, dem sogenannten Naturzustand Heterosexualität widerlegen und so ein neues Bewußtsein in der Psychoanalyse schaffen, welche auch heute noch zu häufig Homosexualität als abnormal bezeichnet und damit leider diese Vorstellung in der Bevölkerung verbreitet. Bücher wie dieses helfen, diese Meinung grundlegend zu ändern. Gerade deswegen ist es ein Buch, das man nicht nur Lesben empfehlen sollte.

Ausgangspunkt für Gissraus Untersuchungen und Darstellung bisheriger Theorien ist die multierotische Veranlagung des Menschen. Hier verwendet sie also Freuds Aussage über multigerichtete sexuelle Triebe und deren Objektunabhängigkeit. Gissrau bemerkt dazu selbst: "Das sexuelle Potential, das uns unser Körper zur Verfügung stellt, ist besonders variabel und in die verschiedensten Richtungen lenkbar." Daher stellt sie nicht nur die Entwicklung zur Homosexualität dar, sondern auch die zur Heterosexualität. "Ich wollte [...] zeigen, daß es sinnvoll ist, die Entwicklung aller sexuellen Lebensstile bei beiden Geschlechtern getrennt zu erforschen." Allerdings vollzieht Gissrau nicht den Schluß zur Bisexualität, obwohl dies mit ihrer Grundlage nur noch ein kleiner Schritt wäre. Multierotisch bedeutet für sie vielmehr breitgefächerte Wahrnehmung in der Erotik, sich keinen Rollen unterzuordnen und die Fähigkeit zu vielschichtigen Arten der Zuneigung zu besitzen.

In Die Sehnsucht der Frau nach der Frau beschreibt Gissrau zunächst kurz die Entwicklung von Frauenfreundschaften in der Geschichte und wie diese von der Gesellschaft zunehmend negativ bewertet wurden. Anschließend folgt ein Abriß verschiedener psychologischer Theorien über Hetero- und Homosexualität bis in die neunziger Jahre hinein, bei denen der Schwerpunkt auf Freud liegt. In der zweiten Hälfte des Buchs berichtet Gissrau von ihrer eigenen Untersuchung, in der sie 16 lesbische (21 - 48 Jahre) und 16 heterosexuelle (23 - 57 Jahre) Frauen interviewte, die bezüglich ihrer beruflichen und sozialen Situation gesehen gut miteinander vergleichbar sind. In ihren Interviews bewertet Gissrau nicht nur die Inhalte der Aussagen, sondern auch die Wortwahl. Dadurch werden auch subtilere Äußerungen berücksichtigt. Zudem ist sie sich ständig bewußt, daß ihre Thesen nicht unbedingt der Wahrheit letzter Schluß sein müssen. Es gibt beispielsweise manche Argumente, die einem suspekt erscheinen mögen. Aber im Gegensatz zu anderen psychoanalytischen Werken erhebt Gissrau nicht den Anspruch auf Allgemeingültigkeit und unumstrittene Weisheit (was mit der Anzahl der befragten Person wohl kaum möglich wäre, wie sie selbst betont), sondern versteht ihr Buch und ihre Untersuchungen vielmehr als Anregung zu neuen Gedanken. So weist Gissrau immer wieder auf Mängel ihrer Aussagen hin und regt dadurch an, alles in einem relativen Zusammenhang zu sehen, und bescheinigt so der Leserin ihre eigene Urteilsfähigkeit. Besonders auffällig ist dies bei Formulierungen, die etwas allgemeingültig anmuten und danach von Gissrau wieder entschärft werden, wie zum Beispiel in der folgenden Aussage: "Die Mehrzahl der lesbischen Frauen erlebte also ihre Väter eher konträr zur patriarchalen Rollenerwartung. Dabei ist sehr fraglich, ob sie wirklich so anders waren als die Väter der Heterosexuellen, oder ob lesbische Frauen das Verhalten ihrer Väter anders bewerteten."

Da Barbara Gissrau den Schwerpunkt auf die Kindheit der interviewten Frauen legt wäre noch interessant gewesen, wie sich die Eltern von Frauen, die ihre homosexuelle Veranlagung sehr früh erkannt haben, verhielten, im Gegensatz zu Frauen, die ihre Veranlagung erst sehr spät bemerkt haben. Dies wäre aufgrund der ausgewählten Personen durchaus möglich gewesen. Aber das ist eher ein kleines Defizit in einem sehr informativen und interessanten Buch.

Gissrau, Barabara. Die Sehnsucht der Frau nach der Frau: Psychoanalyse und weibliche Homosexualität. München: Deutscher Taschenbuchverlag, 1997. ISBN 3-423-35142-X. 252 Seiten.

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