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Susanne Billig.
Ein gieriger Ort.

In der einschlägigen Presse wurde sehr viel Werbung für diesen Roman gemacht, der auch rundweg gut aufgenommen wurde. Als Stadtbewohnerin war ich aber auch ganz besonders an diesem Stadtroman interessiert. Und dann ist da noch Maria, die Frau, die so ganz anders ist - zynisch, kritisch und weltabweisend - und die auf eine Weise mit all den vielen anderen Charaktere verbunden ist, die man nicht gleich erkennt.
Ein gieriger Ort stellt die verschiedenen Figuren mit ihren Wünschen, Träumen und Eigenarten zunächst episodisch vor. Wir sind fast in der Rolle einer begierigen Voyeuresse, die mal in jenes und mal in jenes Leben schauen darf, das eins ums andere fasziniert. Und nach und nach beginnen sich diese verschiedenen Episoden zu verweben. Die Geschichten der verschiedenen Frauen berühren sich, doch dann gehen sie wieder auseinander, beweisen ihr Eigenleben und bleiben Episoden in dem großen Berlin, das dann doch wieder so klein ist. Susanne Billig sagte in einem Interview in outline "Eine Inspiration war für mich 'Short Cuts' von Robert Altman. Der Film basiert auf voneinander unabhängigen Kurzgeschichten, die Altman zu einem losen, aber höchst interessanten Netz geflochten hat. Eine Nebenperson in der einen Geschichte spielt plötzlich eine Hauptrolle in einer anderen Geschichte. Das hat mir gut gefallen und entspricht auch dem, wie ich als lesbisches Leben in einer Großstadt empfinde. Es gibt einen lockeren Zusammenhang, der zum Teil doch verlässlich ist. Du siehst bestimmte Geschichten immer wieder." [1] Und genau so ist es in Ein gieriger Ort. Bei so vielen verschiedenen Charakteren empfiehlt es sich allerdings nicht, den Roman zu lesen, wenn man müde ist, da man dann schon mal den Überblick verliert. Zum Glück liegt der Taschenbuchausgabe ein Lesezeichen bei, auf dessen Rückseite kurz etwas zu jeder Figur steht.
Maria weigert sich ein normales, bodenständiges Leben zu führen und füttert sich stattdessen täglich mit Buchstaben, die ihr die Sinne zu verkleben drohen. Sie kommt im Kaufhaus nicht vom Anfang eines Regals zu dessen Ende, weil sie alles lesen muß, was auf den Pakungen steht und sich eine Sendung für die Maus für Erwachsene wünscht, damit ihr jemand erklärt, warum auf der Tampon Packung plötzlich das Wort "Blutung" verschwinden mußte und dort nun "für die stärkeren Tage" steht. Eines Tages beobachtet sie wie im Park eine Radfahrein mit einem Skateboard Fahrer zusammen stößt. Sie hilft den beiden und beginnt sich in Jule zu verlieben. Und wie bei jeder der Begegnungen in Ein gieriger Ort stellt sich zufällig heraus, daß Jule auch lesbisch ist. Es ist schon komisch: alle Frauen, die man hier auf der Straße trifft, sind lesbisch. Der Roman spielt zwar in Berlin, wo die Lesbendichte um einiges höher sein dürfte als irgendwo anders, aber das klingt doch eher wie ein schöner Traum. Aber dazu sind Romane ja vielleicht auch da - nicht nur um die Realität abzubilden, sondern auch Träume zu leben. Ist ja doch immer wieder schön. Maria und Jule sind wie Thea und Suzannah aus Bilder von Ihr. Die eine ist die Rebellische, die mit sich und der Welt jedoch nicht zurecht kommt, manchmal wie ein Kind ist. Und die andere ist die Beschützerin, der die Welt nichts anhaben kann und die ihre Freundin mal mit einem lachenden Auge ansieht und dann einfach wieder nur in die Arme nehmen muß und sie so vor der Welt beschützt. Aber dann beginnt sich das Blatt zu wenden. Die Rollen beginnen sich zu vertauschen... Marias Charakter verliert im Laufe des Romans jedoch leider an Kraft. Sie ist eine Figur, die so stark beginnt und aus der man mehr machen hätte können.
Dafür gewinnt Etta immer mehr an Tiefe. Etta ist zunächst ein sehr unbestimmter Charakter, fast nur ein Schmuckstück an Giovannas Seite, das nicht wirklich ein eigenes Leben hat. Giovanna bestimmt sie mit ihrer Ordnung und Selbstdisziplin, die sich nur ungern auf Etta überträgt. Als Etta einer Fremden zu folgen beschließt, wacht sie zunehmend auf. Sie gewinnt an Leben, an Vitalität, die sie in ihrem bisherigen Leben vermißt, das aus Gleichmäßigkeit und Konformität besteht. Doch das Lebendige und Unkonventionelle brodelt unter Ettas Oberfläche und die Lava sucht einen Schlot für den Ausbruch, all die vielen verschiedenen Rollen zu leben, die in ihr stecken, mehr noch - sie selbst zu sein. Eines Abends schlüpft Etta in eine neue Rolle wie von einem Augenblick zum anderen, und erfüllt Veras sehnlichste Wünsche - etwas, das ihr Edith nie geben konnte. Vera wiederum ist die Mitbewohnerin von Konstanze, die sich in die Nutte Nadja verliebt hat und Konstanze wird für Nadja bald mehr als nur eine Geldquelle. Vera hat mit Thea, der vielseitigen Künsterlin wiederum gemein, daß sie beide erfolglos sind. Thea findet keine Geldgeber, obwohl ihre Chatpartnerin Lucy von ihrem Aktionskunstprojekt voll überzeugt ist. Vera vergräbt sich in wissenschaftliche Filmliteratur und arbeitet ehrenamtlich im Berliner Filmarchiv und wird trotz ihrem Talent von Giovanna, die Dozentin an der Humboldt Universität ist, nur damit abgespeist, sie solle sich wie alle anderen auf formalem Wege auf die Assistentenstelle bewerben. Und hier schließt sich der Kreis auch wieder: Vera ist die geheimnisvolle Fremde, der Etta folgt. Thea, Vera und Maria arbeiten zusammen in einem Videoladen, um sich finanziell über Wasser zu halten. Fast jede der Frauen hat eine geheimnisvolle Freundin, der sie nicht die volle Wahrheit entlocken können. Jede hat am Schluß etwas gelernt, alle sind aus ihrem bisherigen Trott ausgebrochen und immer gehörte zu diesem Ausbruch eine Frau, die sie dazu veranlaßt hat. Einziges Gegengewicht sind Gerlinde, die immer wieder versucht ihre beste Freundin Maria zur Vernunft zu bringen, gleichzeitig aber die Nachsicht und Rettungsinsel in Person ist; und Giovanna, die selbst angesichts einer lebensbedrohlichen Krankheit nicht ihre Disziplin aufgibt.
Der episodische Aufbau von Ein gieriger Ort, der nur bedingt zu einem gemeinsamen Schluß kommt, ist eine wunderschöne Abwechslung zu all den in sich geschlossenen Romanen. Dazu passen auch die vielen Details, die immer wieder in die Handlung einfließen und den momentanen Charakter der Erzählung unterstüzen. In der Mitte flacht der Roman leider ein wenig ab, doch der starke Schluß macht diese Schwäche wieder wett.
Billig, Susanne. Ein gieriger Ort. Berlin: Orlanda, 2000. ISBN 3-929823-65-9. 251 Seiten.
Susanne Billig, Jahrgang 1961, freie Journalistin und Autorin, lebt und arbeitet in Berlin. Sie schreibt für Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen und hat mehrere Kriminalromane veröffentlicht.
[1] Susanne Billig in "Selbstverstädliche Orte" outline 5 (2000), S. 59.
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